Diskriminierung und Viktimisierung: Der neue Opferautoritarismus – NZZ Zeitgeschehen


Anmerkung:

Unglaublich intelligenter und lesenswerter Artikel über die Zunahme von Rassismusvorwürfen und Gefühlen der Diskriminierung. Gleichermaßen für AfD-Anhänger und politische Gegner geeignet, weil er in brillanter Weise die Systematik der Gender- und Antidiskriminierungsdebatte ausleuchtet.

„Der Gebrauch des Begriffs «Rassismus» leidet seit Jahren an galoppierender Inflation. Unter der längst salonfähigen Formulierung des «kulturellen Rassismus» lässt sich alles subsumieren, was nicht ins präferierte Denkschema passt. […]

Diskriminiert fühlen sich in der verwöhnten Wohlstandswelt weiterhin die Frauen – und längst auch die Männer. Die Homosexuellen, die Bisexuellen, die Asexuellen, die Transsexuellen – und auch die Heterosexuellen.
Die Ausländer – und die Inländer. […]
Die Prädikate lassen sich kumulieren […]

Identität wird nicht mehr als Fremdprägung, sondern in erster Linie als Performance des autonomen Selbst erlebt.
Die eigene Lebensform – von der sexuellen Selbstdefinition bis hin zu religiösem Bekenntnis und zur Ernährungsweise – ist Ausdruck der eigenen Persönlichkeit.
Was immer der Mensch tut, wie immer er sich verhält und lebt, ist als Ausdruck seiner Identität zu werten.

Umgekehrt bedeutet dies: Wer Dissens mit dem Lebensstil eines Mitmenschen signalisiert, droht dessen Selbstwertgefühl in Frage zu stellen. […] Jede Meinungsäusserung lässt sich so als Angriff auf die eigene Person deuten, symbolische und reale Herabsetzung wiegen gleichermassen schwer.
Das angeblich autonome Selbst zeigt sich hier von seiner unsouveränen Seite – es fühlt sich dauerdiskriminiert. […]

Der Egozentriker agiert nicht souverän, sondern reagiert empfindlich. Um zu seinem Recht zu kommen, reklamiert er für sich den Opferstatus.
In den westlichen egalitären Gesellschaften, in denen alle Unterschiede unter Menschen eingedampft sind, verspricht dieser Status nicht nur Aufmerksamkeit, sondern Autorität.
Wer sich glaubhaft als Opfer darzustellen vermag, hat Anspruch auf Wiedergutmachung. […]

Die egalitär-inklusive Gesellschaft produziert ständig neue Ausgegrenzte, die neue Gleichheitsansprüche an die Gesamtgesellschaft formulieren.

Jede Anerkennung eines Lebensstils gebiert in allen anderen das Bedürfnis nach ebensolcher Anerkennung.
Das gesamtgesellschaftliche Sichgekränktfühlen nimmt deshalb mit der gesamtgesellschaftlich wachsenden Anerkennung zu.
Die egalitär-inklusive Gesellschaft produziert ständig neue Ausgegrenzte, die neue Gleichheitsansprüche an die Gesamtgesellschaft formulieren. Sie setzt ungeheure Mengen an Neid, Hass und Ressentiment frei, die politisch bewirtschaftet werden.(…)“

Der Wettbewerb um den Status des Meistdiskriminierten beherrscht den gesellschaftlichen Diskurs.

Quelle: Diskriminierung und Viktimisierung: Der neue Opferautoritarismus – NZZ Zeitgeschehen

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