Frank-Furter Schnauze: Die unfreiwillige Botschaft des Mohammed Merah
Verstarb heute morgen: Der islamistische Terrorist Mohammed Merah
Das Drama um Mohammed Merah ist vorbei. Der Islamist ist tot. Das grundlegende Problem jedoch besteht weiter. Es dürfte sogar noch größer werden.
Seit bekannt wurde, dass es sich bei dem Attentäter von Toulouse um einen Islamisten handelt, bemühen die Medien geradezu inflationär den Begriff des Einzeltäters. Und gut möglich, dass das in gewisser Weise auf Mohammed Merah zutrifft, dass er nicht Teil einer Zelle war, sondern seine Taten auf eigene Faust plante und ausführte. Andererseits lässt schon der Umstand, dass im Fahrzeug seines Bruders Sprengstoff gefunden wurde, gehörig an dieser Darstellung zweifeln. Genaueres wird man erst wissen, wenn die Ermittlungen der Polizei abgeschlossen sind.
Aber fest steht schon jetzt, dass Mohammed Merah Kontakte zu Salafisten und Islamisten unterhielt und sich im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet von Glaubensbrüdern zum Terroristen ausbilden lies. Und fest steht auch, dass ein es breites islamistisches Milieu gibt, das von Fundamentalisten und Salafisten bis zu Extremisten und Terroristen, das von Pakistan und Afghanistan über andere Länder bis nach Frankreich und Deutschland reicht.
„Lass sie in Trauer und Angst leben!“
Und tatsächlich genügt schon ein flüchtiger Blick in jene Mainstream-Medien, die Merah als Einzeltäter darstellen, um einen gänzlich anderen Eindruck zu erhalten: So berichtet Spiegel-Online gerade heute über den Syrer Hussam S., der in Koblenz zu fünf Jahren Haft verurteilt wurde. Der Al Qaida-Helfer soll unter anderem grausame Videos ins Internet gestellt haben, um damit neue Mitglieder anzulocken. In insgesamt 44 Fällen wurde Hussam S. nachgewiesen, im Internet Propaganda für islamistische Terrororganisationen gemacht zu haben.
Derweil berichtet Welt-Online, dass sich im ostafrikanischen Somalia eine neue „Märtyrerschule für deutsche Djihad-Touristen“ entwickelt und beängstigend großer Beliebtheit unter deutschen Islamisten erfreut. Die ersten Hinweise darauf fanden Sicherheitskräfte bei der Durchsuchung einer Solinger Hinterhofmoschee, die als Islamisten- und Salafistentreff galt. In Somalia werden derweil weite Landesteile von der radikalislamischen al-Schabab-Miliz kontrolliert, die wiederum als ostafrikanischer Flügel der Al Qaida gilt.
Die beliebteste Ausbildungsadresse für deutsche Djihadisten bleibt allerdings das afghanisch-pakistanische Grenzgebiet, wo sich auch Mohammed Merah aufhielt. Von dort meldete sich jüngst der in Bonn aufgewachsene Islamist Yassin C. aka „Abu Ibrahim“ per Videobotschaft zu Wort und forderte deutsche Muslime zu Anschlägen auf, beispielsweise in Diskotheken, Restaurants und Einkaufszentren: „Mach ihre Spaßgesellschaft zunichte! Erinnere sie an die Reichskristallnacht! Sorg für Schlagzeilen und lass sie in Trauer und Angst leben!”
Auf Seelenfang durch Deutschland
Ein anderer deutscher Islamist, der 21-jährige gebürtige Berliner Omar Husain, sorgt derweil für Alarmbereitschaft an Deutschlands größtem Flughafen in Frankfurt. Auch Husain hält oder hielt sich wie Yassin C. und Mohammed Merah im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet auf. Doch gibt es laut Sicherheitskräften Hinweise, dass sich der gewaltbereite Islamist auf dem Weg nach Deutschland befindet. Möglicherweise, um die Aufforderung seines Glaubensbruders Yassin C. in blutige Tag umzusetzen.
Und dort, am Frankfurter Flughafen, wo mit seiner Einreise gerechnet wird, verübte Arid Uka vor etwas mehr als einem Jahr den ersten islamistischen Anschlag mit Todesfolge auf deutschem Boden. Auch Arid Uka war – strenggenommen – ein Einzeltäter. Doch auch er hatte sich im islamistischen und salafistischen Milieu bewegt, radikalisierte nach eigenem Bekunden aufgrund solcher propagandistischer Videos, wegen derer der Syrer Hussam S. heute verurteilt wurde und von denen es im Internet unzählbar viele gibt. Auf Seiten von Islamisten und Salafisten.
Salafisten wie Pierre Vogel beispielsweise, der wiederum seit Jahren auf Seelenfang durch Deutschland tourt. Der ihm nahestehende Verein „Dawa-FFM“ verteilte zuletzt Koran-Übersetzungen eines bekennenden Hasspredigers – mitten auf Frankfurts beliebtester Einkaufsstraße. Zu einer Veranstaltung Vogels auf dem Frankfurter Roßmarkt im vergangenen Jahr kamen gut 2.000 Muslime, die meisten von ihnen nach streng-islamischer Vorschrift gekleidet, und bejubelten in beängstigender Atmosphäre dessen Predigt sowie den Vortrag von Bilal Philips, einem berüchtigten Hassprediger, der unter anderem dafür bekannt ist, für Homosexualität die Todesstrafe zu fordern.
Nur der Anfang
All das sind nur wenige Beispiele von vielen. Beispiele, die eindrucksvoll vorführen, dass Deutschland und Europa vor einem ernstzunehmenden Problem stehen, gegen das andere terroristische Strömungen, beispielsweise im rechtsradikalen Milieu, äußerst überschaubar wirken. Denn während sich Rechtsextremismus auf eine genauso kleine, wie isolierte Gruppe reduziert, erfreuen sich Islamisten in ganz Europa stetigen Zulaufs. Problematischerweise ist ihre Ideologie nicht isoliert zu betrachten, sondern geht fließend in fundamentale, streng-religiöse und orthodoxe Strömungen des Islam über. Deutlich wird dies am Beispiel des Iran, dessen politische Führung selbst den Anschein erweckt, vom Geist des Terrorismus beseelt zu sein, diesen nur glücklicherweise mangels Möglichkeiten nicht ausleben zu können. Deutlich wird dies auch am Beispiel sunnitischer Gottesstaaten wie Saudi-Arabien, die sich zwar nach Außen moderat geben, nach Innen jedoch einen Gesellschaftstyp pflegen, der wie die islamische Variante von Adolf Hitlers Traum von einem rassisch-reinen, arisch-weißen Reich erscheint.
Genau das ist der Ursprung des Terrorismus: Ein archaisches, den Werten der Aufklärung, des Humanismus, der Freiheit und der Pluralität zuwiderlaufendes Gesellschaftsideal. Nicht zufällig entspringt dieses extreme Ideal einem extremen Weltbild; nicht zufällig motiviert der Kampf für dieses extreme Ideal zu extremen Taten. In diesem Punkt sind sich alle Extremisten gleich.
Mohammed Merah hatte derweil in einem Telefonat mit einer Redakteurin des französischen Nachrichtensenders France24 angekündigt, dass seine Tat nur der Anfang sei, weitere Anschläge folgen würden. Das könnte das Geschwätz eines größenwahnsinnigen, nach Aufmerksamkeit dürstenden Irren sein. Es könnte jedoch auch eine ernstzunehmende Drohung eines Irren sein, der immerhin über Insiderwissen verfügte, weil er mit vielen anderen Irren vernetzt war.
Das Übel an der Wurzel packen
Der Westen täte gut daran, Drohungen wie diese ernst zu nehmen. Und zumindest in Kreisen der Sicherheitskräfte nimmt man diese Drohungen ernst. Doch Geheimdienste und Spezialkommandos können nur reparieren, was anderswo angerichtet wurde. Sie kämpfen gegen die Symptome, nicht gegen die Ursachen. Bislang gebührt den Sicherheitskräften gerade in Deutschland großer Dank, konnten sie doch bereits zahlreiche Terrorzellen ausheben und mehrere Anschläge verhindern.
Doch gerade in diesem Zusammenhang sind die Taten von Arid Uka und Mohammed Merah beängstigend. Denn was, wenn sich hinter dem so genannten Einzeltäter ein neues Konzept von Al Qaida und anderen islamistischen Organisationen verbirgt? Was, wenn dies die Reaktion der Terroristen auf die vielen gescheiterten Anschläge ist? Schließlich ist ein so genannter Einzeltäter weit schwieriger zu entdecken als eine Gruppe von Attentätern, die miteinander kommuniziert, auf ein großes Ziel hinarbeitet, dazu Geld und Logistik benötigt. Das macht diese Gruppen angreifbar, sie hinterlassen Spuren, nicht nur in der digitalen Welt. Dem „Einzeltäter“ hingegen steht die westliche Gesellschaft fast wehrlos gegenüber, zumindest so lange sie an ihren Freiheitswerten festhält und auf die „totale Überwachung“ durch Sicherheitskräfte – technisch möglich, aber keinesfalls wünschenswert – verzichtet.
Umso wichtiger wäre es also, das Übel des islamischen Terrorismus an der Wurzel zu packen. Das allerdings ist eine Aufgabe, die nicht die Sicherheitskräfte zu leisten haben, sondern Medien und Politik. Und genau dieser Aufgabe verweigern sich die meisten deutschen Medien- und Politvertreter bis dato standhaft. Doch Verharmlosungen und Relativierungen spielen den islamistischen Kräften noch in die Karten, bieten ihnen den gesellschaftlichen Freiraum für die weitere Rekrutierung von Sympathisanten, die sich im ersten Schritt vielleicht wirklich nur von der Religiosität solcher Gruppierungen angezogen fühlen, im zweiten Schritt jedoch spürbar radikalisieren und im dritten Schritt schlimmstenfalls selbst zu „Einzeltätern“ werden.
Islamkritik ist notwendig
Frankreichs Präsident Niclas Sarkozy führte in seiner Ansprache am heutigen Mittag vor, wie der Kampf gegen diese Bedrohung mit Augenmaß geführt werden könnte: Er forderte seine Landsleute auf, nicht alle Muslime unter Generalverdacht zu stellen, kündigte aber gleichzeitig ein konsequentes Vorgehen gegen ebenjene Milieus an, in denen der Seelenfang der Hassprediger beginnt: Internetseiten, Terrorcamps, Gefängnisse.
Tatsächlich deutet das auf einen gesunden Mittelweg hin, den auch Deutschland tunlichst beschreiten sollte: Einerseits darf islamischer Terrorismus nicht dazu führen, alle Muslime generell unter Verdacht zu stellen; andererseits dürfen sich westliche Gesellschaften nicht weiterhin so naiv geben, die Zusammenhänge zwischen Islam, Islamismus und Terrorismus zu leugnen. Vielmehr müssen die Staaten des Westens konsequent gegen jene Strömungen innerhalb der islamischen Gesellschaft vorgehen, die den Einstieg in Fundamentalismus und Radikalisierung bedeuten. Und zwar strafrechtlich, geheimdienstlich, aber auch medial und intellektuell.
Schlussendlich bedeutet dies, dass Kritik am Islam nicht weiterhin in Medien und Politik geächtet werden darf. Im Gegenteil lautet die Botschaft, die Mohammed Merah unfreiwillig – wie so viele vor ihm – überbrachte: Islamkritik ist berechtigt. Und Islamkritik ist notwendig. Denn nur so lässt sich die Ursache des Extremismus bekämpfen. Notwendig dazu ist aber auch, dass Islamkritik sachlich und differenziert vorgebracht wird, sich nicht pauschal gegen die Muslime, sondern dediziert gegen jene Elemente des Islam richtet, die Terror, Gewalt, Integrationsverweigerung und Radikalisierung befördern.
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